Auch dieses Jahr war die Mailänder Möbelmesse ein Event der Superlative. Welche Trends und Designs architare Chefin Barbara Benz und ihr Team aus der Masse herausgepickt haben, erfahren Sie hier.
Der große Über-Trend ist eigentlich ziemlich paradox. Trend ist, dass es keinen wirklich neuen Trend gibt. „Für mich gab es allerdings auch eine Ausnahme“, erklärt Barbara Benz begeistert. „Während andere Firmen sich eher auf Stoffe und Farbvarianten konzentriert haben, hat Walter Knoll eine Neuheit herausgebracht, die für eine große Überraschung gesorgt hat“. Das modulare Sofasystem Molamisa ist eine so lässige wie bequeme Insel, die mit ihrer Geometrie, den verstellbaren Lehnen und unterschiedlichen Sitztiefen immer wieder neue Ansichten liefert.
Ein Conversation Pit, der den gemeinsamen Austausch fördert und doch Raum für individuelle Vorlieben lässt. Die Ippolito Fleitz Group setzte Molamsia und weitere Neuheiten zur Möbelmesse unter dem Motto „Threads of Creation“ angemessen in Szene – inmitten von unzähligen Bändern, Seil-Skulpturen und Fäden.


Formen zum Fühlen
Generell verstärkt sich der Hang zu rohen, ursprünglichen, unperfekt und damit „echt“ wirkendenden Oberflächen immer weiter. Handwerklichkeit soll man sehen. Die Gründe liegen vermutlich in den großen gesellschaftlichen Entwicklungen begründet. Das Digitale, das oft spiegelnd, glatt und – wenn man an KI Bildkreationen denkt – oft perfekt daherkommt, verlangt nach der Antithese. Einer Welt, einem Zuhause, das man faktisch spüren kann, das auch mal Reibung erzeugt. Etwa mit ungeschliffenem Holz, faszinierend geäderten Steinoberflächen, Tapeten und Stoffen mit Struktur.
Selbst Spiegel werden in der Fläche gebrochen und avancieren vom Nutzgegenstand zum Centerpiece. Chrom und Aluminium, die in den vergangenen Jahren ein großes ästhetisches Comeback gefeiert haben, werden jetzt gebürstet, verdreht oder mit einer rauen, oft unregelmäßigen Struktur versehen. „Das Neuartige steckt im Detail“, sagt architare Expertin Barbara Benz.

Doch gemütlich soll es bitte auch bleiben.
Zur roughen Oberfläche und einer oft brutalistischen Formensprache wird auch der Gegentrend gespielt: Weiche Linien, die im aktuellen Möbeldesign oft arkadenähnlich und verdreht ausfallen oder organisch unregelmäßig fließen. Auch die Farben suggerieren Wärme. „Terrakotta, bereits seit Jahren ein Thema, ist genauso präsent wie alle weiteren Erdtöne, Orange und insbesondere starkes Rot von Poppy Red zu tiefem Ochsenblut“, fasst Barbara Benz zusammen.
All diesen Tendenzen ist gemein, dass sie ihre Vorbilder in der Natur finden. Biophiles Design auf allen Ebenen. Als Kontrastfarbe hält noch immer Yves Klein Blau her, ein intensiver Ton, dessen Langlebigkeit eher überrascht.




Salone del Mobile oder The Show Must Go On
Doch Mailand wäre nicht Mailand, wenn es hier nur um Neuheiten und Kollektionen ginge. Der Reiz der größten Möbelmesse der Welt liegt in ausgefallenen Ideen und der guten Show begründet, mit der sich Hersteller, Designer und Studios Jahr für Jahr überbieten. Während Ausstellungsplattformen wie die Collectible Design Galerie von Rossana Orlandi oder das junge Format Alcova allein schon durch die ungewöhnliche Architektur punkten, setzen die Aussteller im Designviertel Brera auf spektakuläre Inszenierungen, um die mitunter langen Schlangen vor den Showrooms nicht zu enttäuschen.
Genau hier überzeugte auch der Pop-up-Showroom von Walter Knoll mit Faden-Vorhängen und Seil-Skulpturen. Hermès lud schräg gegenüber in eine clean-minimalistische Parallelwelt. Und Dimorestudio machte die Inszenierung selbst zum Thema, wenn im cinematisch inszenierten Loro Piana Space nach vier Minuten wieder das Licht ausging. dessen Langlebigkeit eher überrascht.

Hier zeigt sich auch eine Tendenz, die man als eine Art neuen Historismus begreifen könnte.
Dimorestudio steht für den Inbegriff des aktuellen italienischen Stils, der Modernes gerne auch mit Klassischem wie Säulen, Statuen oder Louis-Seize-Formensprache vereint.
Damit steht er sinnbildlich eben für das, was (nicht) ist. Der große Trend unserer Zeit ist, dass Trends relativ sind. Zeitgemäß einrichten folgt der Devise: Alles kann, nichts muss.
Der oberste Stil-Richter ist nur das Gefühl.











